Da mischt sich auch noch eine dritte Kollegin ein: „Ich habe was für dich, komm doch bitte kurz zu mir". Blick auf die Uhr – eigentlich muss ich weiter, doch ich schaue schnell noch bei ihr vorbei. „Komm, setz dich." „Aber..." „Setz dich, es dauert auch nicht lange." Ich nehme Platz. „Ich habe ein Geschenk für dich." Sie nimmt den Locher, der auf dem Tisch steht und drückt einmal darauf. „Gib mir mal deine Hand." Ich halte meine geöffnete Hand hin. „Da, ich schenke dir was: Zwei Löcher." Verdutzt sehe ich in meine geöffnete leere Hand - und fange herzhaft zu lachen an. Was für ein Geschenk – zwei Löcher! Für mich stehen sie in diesem Moment für Durchatmen, mich neu sammeln, einen Augenblick mal gar nichts machen müssen. Ich atme tief ein und aus. Beschwingt gehe ich weiter. Zwei Löcher, noch immer halte ich meine Hand nach oben geöffnet, als hielte ich einen wertvollen Schatz.
Zwei Löcher – Zeit zum Innehalten. „Was soll ich damit?" mögen sich diejenigen von uns fragen, die im Moment viel mehr Zeit haben, als ihnen lieb ist. Nun, wie wäre es mit dieser Variante? Durch das eine Loch schicken Sie all die trübseligen Gedanken, die Sie belasten, hinaus und durch das andere holen Sie neue Ideen, Hoffung und Zuversicht herein. Dies kann bei Bedarf mehrmals wiederholt werden. So lange, bis Sie sich neu gestärkt den nächsten Schritt vornehmen können.
Noch eine dritte Leseart fällt mir ein, wenn ich an den morgigen Volkstrauertag und das Totengedenken am Ende des Kirchenjahres denke. Vielleicht ist es ja für einige ein Trost: Unsere Verstorbenen verlassen durch das eine Tor diese Welt und gelangen durch das nächste auf die andere Seite, in die neue Weite der Ewigkeit.
Zwei Löcher – wie hilfreich kann alleine die Vorstellung sein. Und wenn ich grade keinen Locher parat habe, halte ich einfach meine Hand wie eine Schale und lasse mich neu beschenken.
Andrea Marquardt
evangelische Religionspädagogin in Aschaffenburg
