Braucht es in der heutigen Zeit nicht die deutliche Stimme „der" Kirche, um im Konzert der Meinungen überhaupt noch gehört zu werden? Kann es sich „die" Kirche noch leisten, in viele Konfessionen zu zerfallen?
Eine geflügelte Redensart besagt: Wenn in der Evangelischen Kirche eine neue Strömung aufkommt, spaltet sich eine neue Sekte ab. Wenn in der katholischen Kirche dasselbe geschieht, gründet der Papst einen neuen Orden. Die Zeiten haben sich geändert: Sekten haben viel von ihrem Nimbus verloren – manche, wie die „Zeugen Jehovas", sind arg überaltert. Und die katholische Kirche ist heute schon längst nicht mehr der monolithische Block, den manche in ihr gerne sähen.
Wie viel Einheit also braucht die Kirche und wie viel Pluralismus verträgt sie? Beim früheren Papst las man mitunter, er habe seine Arme weit geöffnet, um die Schar der Gläubigen darunter zu sammeln. Für mich ist das Bild von den geöffneten Armen problematisch. Denn es unterstellt eine Einheit, die es so niemals geben wird: Als ob der Papst als Oberhaupt der einen katholischen Kirche alle Christen unter einem Dach vereinen könnte. Dazu sind die Fliehkräfte der Geschichte zu groß, die gegenseitigen Verletzungen zu tief, die geschichtlich gewachsenen Traditionen zu stabil. Fraglich auch, ob es eine solche künstliche Einheit überhaupt braucht.
Der jetzige Papst ist mit solchen Gesten wesentlich sparsamer, aber deshalb nicht weniger glaubwürdig. Denn die Einheit der christlichen Kirche besteht nicht in Strukturen und Ämtern, sondern in dem einen Glauben an den dreieinigen Gott. Gott stiftet diese Einheit, wann und wo er will. Dies können wir in der gelebten Ökumene vor Ort, etwa am „Weltgebetstag" oder in den vielen sozial-diakonischen Initiativen immer wieder eindrücklich erfahren. Wir haben heute schon wesentlich mehr Einheit als viele glauben. Denn nicht wenige von denen, die die mangelnde Einheit der Kirche kritisieren, lehnen es für sich selbst ab, sich darin zu engagieren. Wer aber aktiv in der Kirche lebt, erfährt diese Einigkeit der Christen schon heute. Darum: Machen Sie mit, bringen Sie sich ein!
Rudi Rupp, evang. Dekan Aschaffenburg

