Wir sind am Flughafen von Shiraz. Auch ich habe meinen Schal über den Kopf gezogen. Ich bin zum ersten Mal im Iran. Ein Tuch, das Kopf, Hals und Ausschnitt bedeckt, sowie ein weites, langes Oberteil sind Pflicht.
In der Öffentlichkeit sorgt hier jede Frau dafür, dass sie es nicht mit der Sittenpolizei zu tun bekommt. Da gibt es Frauen auf high heels, mit Jeans, Trenchcoat und buntem Tuch, das nur den Hinterkopf bedeckt. Da gibt es Frauen mit Tschador, einem großen Tuch für den ganzen Körper, das nur das Gesicht frei lässt. Die Frauen mit den bunten Tüchern demonstrieren, dass sie lediglich die Pflicht erfüllen. Und die Frauen im Tschador? In diesem zauberhaften und zerrissenen Land ist vieles nicht so, wie es aussieht. Nicht jede Tschador-Trägerin ist Anhängerin des Systems. Wer sich freiwillig so verhüllt, bewegt sich gerne im Verborgenen, schützt sich vor zu viel Interesse. Das kann in diesem Land hilfreich sein. Das wirkliche Leben findet verborgen statt.
Viele Iranerinnen suchen den Augenkontakt mit mir, die ich als westliche Besucherin erkennbar bin. Wenn ich ihn erwidere, kommen sie näher, fragen „Where are you from?", wiederholen strahlend „almania", wollen mich unbedingt mit ihrem Handy fotografieren, nehmen mich in den Arm. Ich bin für sie so exotisch wie sie für mich. Wir sind uns fremd und nah.
Später höre ich: Hier schaffen mehr Frauen die Aufnahmeprüfung an den Universitäten als Männer. So überlegt man(n), ob eine Quote dafür sorgen soll, dass genügend Männer studieren. Das wundert mich nicht. Ich erlebe, dass die Frauen besser Englisch können. Für mich sind sie Brückenbauerinnen und Zukunftsträgerinnen – Meisterinnen darin, Vorschriften zu interpretieren und Spielräume auszuloten.
Beim Rückflug bin ich reich beschenkt von der Pracht in diesem Land, berührt von der Herzlichkeit der Menschen und ihrem Ringen um Zukunft und eine geschützte Identität. Auch wenn ich das Tuch wieder vom Kopf nehme: Ich weiß, dass auch ich in den Systemen, in denen ich zu Hause bin, nicht alles nach außen zeige. Die Frauen im Tschador sind mir näher als gedacht.
Dr. Hildegard Gosebrink,
Rektorin des Martinushauses
