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Lichterfest oder St. Martin?

Es gab letztes Jahr eine heftige Debatte als in NRW der Vorsitzende der Linken, R. Sagal, empfahl, St. Martin aus den Laternenumzügen herauszuhalten. In Homburg wurde Eltern einer Kita mitgeteilt, dass es politisch korrekter wäre, wenn man den Umzug in „Sonne, Mond und Sterne Fest“ umbenennen würde.

Und auch in unserer Region gibt es Eltern, die sich für eine stärkere Säkularisation der Erziehung aussprechen. Für mich war und ist das Martinsfest aber schon immer mehr gewesen als eine nette Tradition, bei der man z. B. den ersten Glühwein trank und netten Kinderliedern zuhörte. Ich bin ein entschiedener Verfechter des Martinsfestes. Und dafür habe ich gute Gründe: Martin ist eine reale Gestalt, an der ich handfeste Impulse ablesen kann. Inwiefern? Das traditionelle Bild zeigt ihn als den, der den Mantel teilt. Aber es geht schon vor dem Teilen los.
Er ritt durch Schnee und Wind und da war ihm wohl selbst kalt. Da ist die Versuchung groß, schnell nach Hause zu kommen. Und dennoch entdeckt er den Bettler. Das gelingt nur dem, der genau hinschaut. Heute wäre das unter dem Stichwort Achtsamkeit schon mal einen Kurs in der Volkshochschule wert.
Martin hält an, wendet sich dem Bettler zu und steigt von seinem hohen Ross. Auch hier entdecke ich eine Haltung, die keinesfalls von gestern ist. Auf Augenhöhe wird hier mit einem Menschen kommuniziert, der zum Rand der Gesellschaft gehört. Auch das ist eine Tugend, die im gesellschaftlichen und kirchlichen Bereich durchaus noch Entwicklungsmöglichkeiten hat.
Danach kommt das Teilen, die konkrete Solidarität, die den Anderen - Bedürftigen wahrnimmt und ihm etwas vom Eigenen zukommen lässt. Martin sagt nicht: da müsste man etwas ändern, ich rufe mal im Sozialkaufhaus der Diakonie, in der Kleiderkammer der Caritas oder bei Grenzenlos an. Er selbst handelt und zwar so, dass er dabei nicht verloren geht. „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst."
Ich finde, das sind drei wichtige Schritte – Werte - für die Entwicklung von Menschlichkeit. Und diese mit Kindern zu leben, halte ich für wesentlich. Und dass diese durch den konkreten Menschen St. Martin vorgelebt wurden, macht nur noch deutlicher: Menschlichkeit ist möglich.
Vergessen wird bei der Geschichte oft das Ende. Im Traum wird Martin bewusst, dass ihm in diesem ausgegrenzten Menschen das Geheimnis der göttlichen Wirklichkeit begegnet ist. Auch das ist für Kinder eine gute Botschaft: Wo du achtsam für Dich und Deinen Nächsten bist, Dich berühren lässt und menschlich handelst, dort bist Du dem göttlichen Geheimnis auf der Spur.
Martin enthält so gesehen einen Mehr-Wert, den nicht jeder so sehen muss. Darüber kann man diskutieren, gerne öffentlich. Vielleicht beim nächsten Martinsumzug, bei einem Becher Glühwein und einem halben Wecken?

Dr. Peter Müller
Stv. Fachakademiedirektor