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Lehrmeister Lavendel

Er verabschiedet mich, wenn ich gehe und empfängt mich, wenn ich heimkomme: ein Lavendelstrauch. In Gärten und Rabatten ist er ein blauer Farbtupfer neben Rosen und anderen Blumen. Aber dieser Lavendel an der Mauerecke ist etwas Besonderes. Eigentlich dürfte er hier gar nicht blühen. Zwischen Pflastersteinen und Mauer ist kein Platz: nur Steine und Splitt.

Ein Same hat es doch geschafft. Er hat sich in einer Ritze festgekrallt und mit winzigen Erdkrumen verwurzelt. Er ist groß geworden mit dem Kargen, das er vorgefunden hat.

In der Psychologie gibt es den Begriff "Resilienz". Er bezeichnet den Willen, sich auch in schwierigen Situationen nicht unterkriegen zu lassen und dem Leben optimistisch und hoffnungsvoll zu begegnen. Der Lavendel in der Mauerritze ist für mich ein Beispiel für diese Resilienzkräfte. Der Lebenskünstler ist mir ein Lehrmeister geworden.

Mein Lavendel verwickelt mich öfter in ein Zwiegespräch. Er erinnert mich an Menschen, denen ich im Alltag begegne oder die mir in der Beratungsstelle gegenübersitzen. Ich sehe in Gesichter von Menschen, die belastet sind mit kleinen oder großen Katastrophen. Auf ihrer inneren Festplatte sind Glaubenssätze gespeichert wie „das schaffe ich nicht", "ausgerechnet mir muss das passieren" oder „keiner hilft mir."

Der Lavendel sagt mir: "Ermutige die Menschen dazu, dass sie erst mal akzeptieren, was ist. Das "hätte" und "wenn" bringt nicht weiter. Trau den Menschen zu, wieder an sich selbst zu glauben und an ihre Kraft, auch wenn sie noch so verschüttet ist. Und er erzählt weiter: "Am Anfang hätte ich selbst beinahe aufgegeben. Aber dann hab ich es einfach probiert und getan, was ich konnte. Andere, Sonne und Regen, haben mitgeholfen. Mit freundlichen Unterstützern tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf."

Die kleine Ansprache meines Lavendels beantworte ich meistens mit einem Lächeln. Heute kommen mir noch Worte von Jesus aus der Bergpredigt in den Sinn: "Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen. Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, wieviel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen?"

Ich erlebe es immer wieder: Alle psychologischen Methoden eines guten Gesprächs nützen nur etwas, wenn Menschen gleichzeitig spüren: Da nimmt mich einer an, wie ich bin. Da sieht einer meinen Frust und Kleinglauben und traut mir trotzdem was zu. Hier bin ich willkommen. Hier kann ich neue Kraft und Lebensfreude finden.

Liebe Leserinnen und Leser,
ich wünsche Ihnen offene Augen für die Lebenskünstler und Lehrmeister, die Ihnen in der Natur begegnen.

Burkhard Fecher, Gemünden
Pastoralreferent, Ehe- und Familienseelsorger,
Ehe-, Familien- und Lebensberater