Das ist mir besonders in der letzten Zeit ihres Lebens bewusst geworden. Als sie im Park vor dem Krankenhaus betonte, wie schön die Blumen hier seien und wie schön der Garten angelegt sei. Als wir noch einmal draußen in der Cafeteria saßen und sie von der angenehmen Wärme der Sonne und vom Geschmack der Limonade schwärmte. Sie konnte von einem einfachen Essen erzählen, wie andere von einem Menü in einem Sternerestaurant. Durch ihren Blick auf das Leben merkte ich, wie kostbar eigentlich ist, was für mich oft so selbstverständlich ist. Und sie hatte einen warmherzigen Blick auf ihre Mitmenschen.
„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", heißt es in Psalm 90, oder anders: „Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz bekommen." Ein Gebet darum, dass ich die Grenzen des Lebens nicht verdränge, sondern mit ihnen umgehe und dadurch lebensklug werde. Mein Glaube hilft mir dabei, dass ich die Grenzen des Lebens nicht als bedrohlich empfinde, sondern mich liebevoll getragen weiß.
„Damit wir klug werden", so lautet auch die Losung des Evangelischen Kirchentages, der von Mittwoch bis Sonntag nächster Woche in Stuttgart stattfinden wird. Bei Vorträgen, Bibelarbeiten und Diskussionen werden Menschen gemeinsam nachdenken und fragen, wie wir mit den Grenzen des Lebens umgehen. In Gottesdiensten, bei Festen und Konzerten werden sie das Leben feiern, Gott danken und Gott klagen. Mehr als aus Büchern werden wir klug in der Begegnung und in der Auseinandersetzung mit anderen. Das ganze Leben lang.
Klug werden bedeutet für mich auch, immer wieder unterscheiden zu lernen. Dass jeder Mensch zuallererst ein von Gott angenommener und geliebter Mensch ist. Das steht an erster Stelle. Alles andere kommt danach. Dass das Wichtige im Leben oft etwas ganz anderes ist als das, was wir für wichtig halten. Dass die Maßstäbe der Welt und die scheinbaren Zwänge keine letzte Gültigkeit haben. Das kann auch Entscheidungen zur Folge haben, die andere als unklug ansehen würden. „Herr, lehre uns bedenken...". Es bleibt das bescheidene Gebet um Klugheit. Was klug ist, weiß letztlich Gott.
Felix Breitling ist ev. Pfarrer in Hasloch am Main

