Die Szene von Loriot karikiert wie so oft den Beziehungsalltag, in dem einer meint, besser zu wissen, was für den anderen gut ist. Wenn ich mir Erwin so anschaue, entdecke ich aber noch etwas: Jemanden, der entspannen kann, ohne sich beeinflussen zu lassen. Es gibt heute so viele Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten. Viele davon sind sinnvoll. Aber muss ich wirklich jedem Trend hinterherlaufen? Muss jeder Tag meiner Woche, jede Stunde meines Tages durchgetaktet sein? Ist meine Zeit nur erfüllt, wenn sie mit Terminen und Beschäftigung angefüllt ist? Wird mein Leben nur dann sinnvoll, wenn ich mich von einer Tätigkeit zur nächsten schwinge?
In der Klinikseelsorge begegne ich Menschen, die sich durch Unfall oder Krankheit ganz plötzlich verabschieden müssen von ihrem angefüllten Arbeitsalltag, von ihren zahlreichen Freizeitaktivitäten, von Dingen, die sie bisher „am Laufen“ gehalten haben. Nicht wenige stellen sich dann die Frage, was jetzt noch bleibt. Um im Anfangsbild zu sprechen – sie können gerade nicht hektisch durch die Küche laufen, sie sind gezwungen, still im Sessel zu sitzen. Und immer wieder lerne ich Menschen kennen, die ihr Leben in solchen Momenten neu ausrichten; die für sich erkennen, dass sie auch im Stillsitzen Kraft und neuen Lebensmut finden können; die sich mehr Zeit für sich und ihnen nahestehende Menschen nehmen.
Es muss ja nicht erst eine bedrohliche Situation auf uns zukommen. „Einfach nur hier sitzen“ - ohne Druck - können wir auch so mal zwischendurch, das dürfen wir uns erlauben! Selbst Jesus sagt zu seinen Jüngern, nachdem diese lange Zeit umhergezogen waren: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!“ (Mk 6,31) Einen Moment (oder gerne auch länger) absichtslos dasitzen, sich sammeln, Luft holen – das bringt Kraft für Neues.
„Einfach nur hier sitzen“, die Aufmerksamkeit mal nicht auf den Stress und die Termine, sondern auf das Hier und Jetzt richten – solche Gelegenheiten wünsche ich Ihnen für die kommende Woche!
Kerstin Gerlach, Pastoralreferentin im Team der Ökumenischen Klinikseelsorge am Klinikum Aschaffenburg-Alzenau

