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Gänsehaut

Manche Augenblicke bergen eine geheimnisvolle Welt, in der alles zu sprechen scheint: Ich hatte in den hinteren Reihen einer Aschaffenburger Kirche Platz genommen. Vor mir saß ein Ehepaar in den mittleren Jahren, dem ich über die Schultern schauen musste.

Es war heiß an diesem Tag, so dass die Frau ein leichtes Sommerkleid trug. Als die Fürbitten vorgetragen wurden, schaute ich über die bloßen Schultern der Frau in Richtung Vorbeter. Während er betete, sah ich, wie bei einer ganz bestimmten Fürbitte die Frau offensichtlich von einem Schauder erfasst wurde, so dass sich ihre Schultern mit einer Gänsehaut überzogen.
Es war nur ein kurzer Augenblick innerhalb des Fürbittgebetes, aber er barg etwas Zeichenhaftes, das für mich mit dem Glaubensvollzug und vielleicht auch mit der Krise, in der Kirche steht, zu tun hat.
Glaube hat mit dem zu tun, „was uns unmittelbar angeht"(Paul Tillich), mit einem Geheimnis, das uns „zutiefst betrifft und erschüttern kann" (Rudolf Otto), das „groß und erhaben" ist, weil sich der uns nahe Gott in ihm mitteilt – dann, wenn wir ihn zulassen, ihm Raum geben. Dass der Nachvollzug eines gewohnten Ritus heute nicht mehr genügt, zeigen die hohen Austrittszahlen, und entsprechend sind die kritischen Äußerungen von Menschen „voller Zweifel und mit einem großen Sehnsucht nach Gewissheit", mit einer „Abneigung gegen religiöse Alleserklärer", gegen „Aufgüsse und Taufgüsse", gegen eine „Instantreligion" (Michael Albus). Das Christentum hingegen ist eine initiatische Religion, die davon lebt, dass die Türen nach Innen geöffnet werden, wo Gott wohnt, wo für einen Christen der „Meister Jesus Christus" lebendig ist, wo sich die Quelle unseres Tuns befindet.
Was also tun? Das Einfache lernen! Alles Große ist einfach!– das einfache Sprechen, aber aus der Erfahrung heraus, die einfachen Zeichen und Gesten von Innen her verstehen, der Stille und dem Schweigen Raum geben, den Menschen neben sich spüren, sich für ihn einsetzen, Gottes Wort hören und es aufrichtig, unvoreingenommen und kritisch miteinander teilen, – in einer Offenheit, die Rose Ausländers in ihrem Gedicht „Mysterium" anklingen lässt: „Die Seele der Dinge/lässt mich ahnen die Eigenheiten unendlicher Welten/ Beklommen such ich das Antlitz eines jeden Dings/ und finde in jedem/ ein Mysterium// Geheimnisse reden zu mir/ eine lebendige Sprache// Ich höre das Herz des Himmels/pochen/in meinem Herzen."
Pocht unser Herz beim Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel? Geht es uns als Aussage über den glaubenden Menschen unmittelbar an?

Peter Spielmann, pastoraler Mitarbeiter
in Sankt Peter und Paul, Obernau