Jesus stellt Fragen, die Schriftgelehrten antworten und er stellt weitere Fragen – stellt die Antworten in Frage. So wünschten es sich die Pharisäer (nach dem Talmud). "Er kann Fragen stellen" war dann auch das höchste Lob für einen Schüler. "Er kann Fragen stellen!" bedeutet nämlich nicht, dass man etwas nicht verstanden hat, sondern dass man die Fragwürdigkeit jeder Antwort erkennt und sie daher nur als vorläufig gelten lässt. Wer Fragen stellt, bringt die Wissenschaft, ja die Menschheit weiter. Fragen zu stellen bringt uns auch zu Gott, wie es bei Jeremia (29,13f) heißt: "Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen." Die end-gültigen Antworten erhalten wir jedoch erst, wenn wir bei Gott sind.
Das steht im Gegensatz zu dem, wie noch meine Generation Glauben lernen sollte. Da gab es Katechismen mit Fragen, zu denen man die vorgegebenen Antworten auswendig lernen musste. Diese zu hinterfragen war nicht erwünscht – wahrscheinlich hatten die Lehrenden Angst, keine Antworten zu wissen oder selbst ins Fragen zu kommen. Selbst in der Kunst wurde aus dem fragenden Schüler ein die Gelehrten belehrender Christus. Ob es heute besser ist, ist auch eine Frage.
Was hat das aber mit uns zu tun?
Christlicher Glaube ist mehr als ein Bauchgefühl, eine schöne Stimmung, eine Moral, etwas fürs Herz. Er ist ein Fundament, auf dem der Rest des Lebens steht. Darum ist er immer wieder zu hinterfragen, denn auf wackligem Grund ist nicht gut bauen.
Der damals an der Schwelle zum Erwachsenen stehende Jesus fragt nach, was hinter dem Alltäglichen steht, stellt Fragen an eine Welt, die sich selbst so sehr gefällt. Ist das nicht auch ein Teil seines Auftrages an uns? Wird es nicht Zeit, dass auch wir wieder fragen?
Ein gutes neues Jahr wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Hans-Josef Born aus Langstadt

