An diesem Tag vor genau 70 Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Rund sechs Millionen Menschen, größtenteils Juden, wurden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet. Überlebende leiden ihr Leben lang darunter, was sie in den Lagern erlitten haben. „Jeder Tag ist ein Tag, an dem ich mich erinnern muss“ antwortete ein Mann, der Auschwitz überlebt hat, seinem Sohn auf die Frage, ob er den internationalen Holocaust-Gedenktag besonders begehen wolle.
Wer einmal in der Gedenkstätte Auschwitz war, erinnert sich an die Koffer, auf denen Namen der ermordeten Menschen stehen. Jeder Name steht für ein Leben, das ausgelöscht wurde. Daran wird anlässlich des Gedenktages in vielen Gottesdiensten und Kirchengemeinden erinnert.
An erster Stelle – vor allen Erklärungsversuchen und Deutungen – stehen bei diesem Gedenken die Stimmen der Opfer. Erinnern heißt, sich mit den Lebensläufen und Stimmen der Einzelnen auseinanderzusetzen. Wenn wir der Opfer in einem Gottesdienst gedenken, dann haben nicht wir das erste Wort. Die Erfahrungen von Auschwitz können wir niemals nachvollziehen. Eine Sprache zu finden für das, was in den Lagern geschehen ist, ist kaum möglich. Zuerst geht es darum, die Stimmen der Opfer zu hören. Nur sie können den Dialog eröffnen. Und um Versöhnung können wir nur bitten. In Gottesdiensten und bei Gedenkveranstaltungen stellen wir uns auch gegen die Meinung, man solle unter das Geschehene einen Schlussstrich ziehen oder das Gedenken müsse ein Ende haben. Der Schriftsteller Elie Wiesel, der das Vernichtungslager Auschwitz überlebt hat, schrieb, das Gegenteil von Erinnern sei nicht das Vergessen, sondern die Gleichgültigkeit. Daher sei „die wichtigste und dringlichste Antwort auf die Katastrophe, der Gleichgültigkeit entgegen zu wirken“. Ich, der mehr als dreißig Jahre nach Kriegsende geboren ist, trage keine Schuld, aber ich trage Verantwortung dafür, dass das Gedenken nicht verstummt und die Erinnerung wachgehalten wird. Wir alle tragen Verantwortung dafür, der Gleichgültigkeit entgegen zu wirken und uns dagegen zu stellen, wenn Menschen sich über andere Menschen erheben, wenn wir Antisemitismus und Rassismus begegnen und Minderheiten ausgegrenzt werden.
Felix Breitling, ev. Pfarrer in Hasloch/Main

