erkannten die meisten nicht oder sie wollten sie nicht erkennen, weil eine solche Zeichnung bekanntermaßen die besonderen Gesichtszüge aber auch die Fehler und Schwächen eines Menschen überzeichnet. Wer will schon gerne bloß gestellt werden? Politiker mussten das in den zurückliegenden Faschingssitzungen wieder über sich ergehen lassen; aber wir Normalbürger ...?
Tatsächlich wäre es manchmal reizvoll, wenn ein neutraler Beobachter uns einmal zeichnen, vielleicht auch karikaturistisch überzeichnen würde. Vielleicht würden wir durch die Überzeichnung plötzlich merken, dass wir oft eine Karikatur unserer selbst geworden sind: Wie weit haben wir uns von dem wegentwickelt, wie wir uns selbst gerne sehen? Vielleicht wollten wir ja gütige Menschen sein, liebevoll und hilfsbereit unseren Mitmenschen begegnen, verständnisvoll zuhören und Anteil nehmen, und doch gelingt es uns oft nicht. Zu schnell kreisen die Gedanken doch wieder nur um uns selbst. Sind wir ein Zerrbild dessen geworden, wie Gott uns einst geschaffen und gedacht hatte?
Es tut gut, eine Karikatur von sich selbst zu betrachten, damit einem die Augen geöffnet werden für die Charakterzüge, die mit der Zeit entgleist sind. Der Apostel Paulus bringt es auf den Punkt, wenn er im Neuen Testament im Römerbrief (Kap. 7,19) bekennt: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich". Er hatte scheinbar den nötigen Abstand zu sich selbst, um dies zu erkennen. Die vor uns liegende Fastenzeit bietet uns Gelegenheit, inne zu halten, Abstand zu nehmen und vielleicht aus einem anderen Blickwinkel mal auf die eigene Situation zu schauen.
Ich schätze die Menschen, die nicht verbohrt und stets von der Richtigkeit des eigenen Verhaltens überzeugt sind, sondern die mal Abstand zu sich selbst nehmen und auch über sich lachen können. Ich schätze die Menschen, die eingestehen können, dass sie an dieser oder jener Stelle zur Karikatur ihrer selbst geworden sind. „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung", sagt der Philosoph. Der Apostel Paulus überdies erkennt seine Erlösungsbedürftigkeit. Er erfährt, dass der Glaube an Jesus Christus einen Menschen davon befreit, perfekt sein zu müssen: Weil wir bedingungslos von Gott geliebt und angenommen sind, können wir es zulassen, wenn wir auf ein Zerrbild unserer selbst aufmerksam gemacht werden. Und dann können wir vielleicht sogar über uns selbst lachen, und fühlen uns dann auf einmal richtig frei in einer ganz ungeahnten Weise ...
Pfarrer Bernd Töpfer Marktheidenfeld

